EINE AKADEMIE FÜR DIE HEILENDEN KÜNSTE –
WAS IST DAS?

Seit einigen Jahren wächst auch in breiteren Schichten der Öffentlichkeit das Bewußtsein, daß Gesundheit ein komplexes Phänomen ist. Das mechanistische Weltbild, demzufolge für jede Wirkung eine Ursache sicher zu benennen ist, weicht einer aufgeklärten, ganzheitlichen Betrachtungsweise. Diese besinnt sich eines älteren kulturellen Erbes und setzt den Lebenszustand des Menschen mit vielen inneren und äußeren Faktoren in eine stetige und nicht voraussagbare Wechselbeziehung. Die innere Haltung des Menschen, sein Wertesystem, seine mentale Kraft im Verbund mit der Stabilität und Wärme seines familiären und weiteren sozialen Umfelds füllen die eine Schale der Waage. Die andere muß durch ein tiefes Verständnis für die Ökologie unseres Planeten Gewicht bekommen, um die Entfaltung eines harmonischen Lebens zu ermöglichen.

Die Kritik an der sogenannten Apperatemedizin bewegt immer mehr Menschen, Zuflucht bei ”alternativen” Heilweisen zu suchen. Inzwischen ist jedoch ein milliardenschwerer Markt neben dem offiziellen Gesundheitswesen entstanden, der es immer schwieriger macht, die Spreu vom Weizen zu schneiden. Blanke Scharlatanerie zum Nachteil der Heilsuchenden und seriöse Arbeit mit höchst wirkungsvollen, sanften Methoden stehen scheinbar gleichberechtigt nebeneinander. Die Frage drängt sich auf, ob es nicht an der Zeit sei, das beste Wissen und Vermögen aus allen Sparten der Heilenden Künste zusammenzuführen und die vielen Quellen zu einem großen Brunnen zu fassen, aus dem die Menschen zeitgemäß und vertrauensvoll nach ihren individuellen Bedürfnissen Heilung schöpfen können?

Hier will die European Academy of Healing Arts einen wichtigen Beitrag leisten. Die Akademie soll als internationale Studien- und Begegnungsstätte dazu beitragen, das Handwerk und die Wissenschaft der klassischen und der alternativen Medizin, die Arbeit am und mit dem Körper, die Arbeit an Geist und Seele, die schöpferischen Künste Musik, Malerei, Dichtung, Tanz, Theater - die ja weit in spirituelle Bereiche hineinreichen - in ihre ursprüngliche Synergie zurückzuführen. Im Zusammenwirken mit bereits bestehenden internationalen und nationalen Organisationen will die Akademie als Lernort zur Gewinnung neuer Erkennntnisse dienen, den Austausch und die Verbreitung relevanter Informationen in der Fachwelt fördern und der allgemeinen Öffentlichkeit Zugang zu dem erarbeiteten Wissen ermöglichen. Zentrales Anliegen der Akademie ist es, der zunehmenden Entfremdung und bloßen Ich- Orientierung entgegenzuwirken und ein Bewußtsein der Achtsamkeit und des Respekts gegenüber allen Lebewesen zu fördern.Medizin und die Schönen Künste sind sich ergänzende Geschwister

Sowohl die klassische Medizin wie alternative Heilmethoden bedienen sich zunehmend der Unterstützung von heilenden Wirkungen aus dem Bereich der Schönen Künste Musik, Malerei, Tanz und Theater. Beispiele sind musiktherapeutische Anwendungen in der Schmerztherapie oder meditatives Malen als Hilfe bei der Aufarbeitung einer Chemotherapie. Weltweit sind seit rund zwei Jahrzehnten Forschungen im Gange, die sich darum bemühen, die überlappenden Bereiche aus allen Arten der Medizin mit allen Arten der Künste zum Besten der Patienten zusammenzuführen, z.B. um schwerwiegende Eingriffe zu erleichtern, um in bestimmten Krankheitsfällen ökonomischere Heilwege aufzeigen zu können oder allgemein, um ganzheitlichen Ansätzen der therapeutischen Begleitung von Menschen in Krisensituationen zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei geht es um die Frage, wie die ätiologischen, diagnostischen, erzieherischen, sozialen und therapeutischen Potentiale der Künste bzw. künstlerischer Aktivitäten für den heilungsuchenden Menschen erschlossen werden können.

Die Akademie der Heilenden Künste begründet ihre Arbeit in der Tatsache, daß die Erfahrung eines künstlerischen Prozesses durch rezeptives Erleben oder eigenes Schaffen enorme schöpferische Kräfte im Menschen freisetzen kann, die sich nicht nur auf ihn selbst, sondern über den einzelnen hinaus auf das engere Lebensumfeld, auf ganze Unternehmen und Institutionen, ja sogar die Gesellschaft insgesamt heilsam auswirken. Den Künsten wächst somit auch beim Bestreben, mehr Menschlichkeit in die Gesundheitsfürsorge zu bringen, eine immer wichtigere Aufgabe zu.

Richard Lippin, einer der Gründer und erster Präsident der International Arts-Medicine Association (IAMA) hat 1991 beispielhaft zusammengefaßt, welchen Forschungsthemen sich die Arbeit im Überlappungsbereich aus Medizin und den Künsten widmen kann und soll. Seine Überlegungen sind unverändert aktuell und umreißen den Kern der Themenkreise, denen sich die European Academy of Healing Arts stellen will:

• Welchen Einfluß haben ästhetische Reize wie Farbe, Form, Klang, Rhythmus, Bewegung, Sprache oder sogar die Schönheit selbst auf die menschliche Physiologie?

• Wie nimmt das menschliche Gehirn ästhetische Stimulationen wahr?
Wie werden diese verarbeitet und integriert, bzw. wie reagieren Gehirn und Physis darauf?

• Worin liegt, neurophysiologisch gesehen, das Wesen der Kreativität, und wie hängen Kreativität und Gesundheit zusammen?

• Welche biopsychosozialen Charakteristika sind bei zeitgenössischen Künstlern wirksam – gleich, ob auf der Bühne oder im Atelier –, die zum ganzheitlichen Verständnis der menschlichen Fähigkeiten beitragen können?

• Wie können die Künste effektiv genutzt werden, um die ganzheitliche Entwicklung von Körper, Seele und Geist im Kindesalter zu fördern?

• Welchen Beitrag können erfolgreiche ältere Künstler leisten, um die Rolle der Kunst im Alterungsprozeß besser verstehen zu können?

• Das individuelle und gesellschaftliche Selbstwertgefühl wird zunehmend als zentrale Basis für die Entwicklung von mentaler Gesundheit und kultureller Identität angesehen. Welchen Beitrag können die Künste hier leisten?

• Wie können die Künste – insbesondere bildende Kunst, Musik und Tanz – genutzt werden, um kommunikative Schranken in einer zunehmend internationalen und mehrsprachigen Gesellschaft zu überwinden?

• Wie können die Künste gezielt als Brücke zu weitgehend analphabetischen Gesellschaften oder Gesellschaftsschichten und dissoziierten Familien genutzt werden, um den Bildungsstandard entsprechend zu heben?

• Welche gesundheitlichen Themen sind in der Künstlergemeinde von Bedeutung, und wie werden diese Bedürfnisse erfüllt?

• Welche Schritte müssen unternommen werden, um sicherzustellen, daß therapeutische und biopsychosoziale Themen in die künstlerische Ausbildung aufgenommen werden?

• Welchen Beitrag können die Künste leisten, um moderne medizinische Institute, Einrichtungen und Organisationen sowie die medizinische Ausbildung wieder menschlicher zu machen und die allgemeine Qualität der Gesundheits- und Fürsorgeeinrichtungen zu verbessern?

• Wie können Ärzte und andere Ausübende von Heilberufen mit Kulturschaffenden und Dozenten in künstlerischen Bereichen zusammenarbeiten, um Vorsorgemaßnahmen im klinischen Bereich zu entwickeln?

• Wie kann die – im weitesten Sinne – kunsttherapeutische Gemeinde mit anderen Heilberufen, Versicherern, Gewerkschaften und der Politik zusammenarbeiten, um anerkannte Arbeitsfelder zu schaffen?

• Welche Daten und Kommunikationsmittel sind erforderlich, um führenden Persönlichkeiten in Wissenschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften, Bildung und Politik die Bedeutung der Heilenden Künste für die grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse nach individueller Freiheit, Kreativität und Gesundheit nahezubringen?

• Welche Rolle spielen die Künste ganz allgemein, um zu individueller, sozialer und kultureller Gesundheit zu gelangen?

• Welche Informationssysteme müssen existieren, um den globalen Austausch über die relevanten Themen sicherzustellen?

Weitere Themenkreise sind z.B. neue Trends in der organisierten Medizin, wie Selbstbestimmung in Bezug auf die Gesundheit, die wachsende Bedeutung der Neurowissenschaften, ethische Probleme wie Organspende, Abtreibung, Behindertenarbeit sowie die Gentechnologie. Die Heilenden Künste können nicht losgelöst von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wie die Auflösung stabiler familiärer Beziehungen, steigender Aggressivität bei Kindern und Jugendlichen, exzessivem Konsumdenken oder wachsender Arbeitslosigkeit gesehen werden. Sie müssen schöpferische Angebote vorhalten, die auf einer tiefen Ebene Keime für die Bildung dauerhafter Werte legen.